Starsinniger Kundenservice

Von laura, 11. Januar 2010 15:55

Seit längerem liebäugle ich mit einem kleinen digitalen Camcorder. Nichts professionelles, eher eine hochwertige Handykamera, mit der man einfache Filmchen drehen kann. Nach ein wenig Recherche im Netz standen zwei Modelle zur Auswahl: die Kodak Zi8 oder eine Cisco Flip und nach weiterer Recherche, ob ich so ein Spielzeug überhaupt brauche und ob ich sie mir überhaupt leisten kann, wollte ich sie natürlich haben. Der Versuch eine davon im Laden zu kaufen scheiterte. Selbst bei den beiden großen Elektrogeschäften der Metro Group gab es nur die veraltete Zi6 zum Preis der Zi8 und die ebenso veraltete Flip Mino (nicht HD).

Während ich dann durch die Angebote klickte, stolperte ich bei Amazon über einen erstaunlich niedrigen Gebrauchtpreis für die Zi8. Umso erfreuter war ich, dass dieses Angebot auch noch ein “Warehouse Deal” war, also eine von Amazon überprüfte und getestete Retoure zu einem günstigeren Preis. Ich konnte nicht widerstehen und bestellte.
Ich wartete einen Tag, zwei Tage, drei Tage und als schließlich die angepeilte Lieferzeit überschritten war, fragte ich doch mal nach, wann denn meine Kamera verschickt wird. In diesem Fall via Kontaktformular, da auf der Seite vor langen Wartezeiten an der Hotline aufgrund eines technischen Problems gewarnt wurde.
Die erste Antwort kam schnell: “Wir überprüfen das” in Textbausteinen.
Nach zwei Tagen erhielt ich dann die nächste Nachricht: “Ihr Liefertermin wurde geändert” in Textbausteinen. Die Begründung ebenso: “Lieferanten können nicht immer ihre Termine einhalten”. Häh?

Nicht dass ich erwartet hätte, dass es irgendetwas bewirken würde, aber ich musste dann doch mal dort anrufen. Der junge Mann entschuldigte sich zwar erst, wirkte aber leicht genervt und überfordert als ich ihm mitteilte, dass ich nicht verstehe, wie ein offensichtlich vormals vorrätiger Artikel, der laut Beschreibung auf Vollständigkeit und Funktion überprüft wurde, nun erst in 2 Wochen verschickt werden kann. Nach einer kleinen Diskussion war die Aussage letztendlich: “Wir haben keinen Einfluss auf unsere Versandlager”. Aha.

Als ich dann, mittlerweile doch verärgert, noch einmal in mein Amazon-Konto ging, um die Bestellung zu canceln, sah ich ein weiteres Angebot: wieder “Warehouse Deals”, gleiche Beschreibung, gleiche Kamera, gleicher Preis, nur eine andere Farbe. Ach ne!
Nicht dass es damit bewiesen wäre, aber unwahrscheinlich ist es sicherlich nicht, dass dort einfach ein Fehler passiert ist und man das Angebot in einer falschen Farbe eingestellt hat. Warum man mich dazu nicht einfach kontaktiert und fragt, ob ich auch damit zufrieden wäre, bleibt Amazons Geheimnis. Selbst wenn dem nicht so ist (also keine Verwechslung vorliegt), wäre es ja naheliegend gewesen, mir einfach die andere Kamera anzubieten, um die Lieferzeit einzuhalten. Und wenn das wiederum nicht möglich gewesen wäre, weil es dazu keine passenden Textbausteine gab, hätte man mich ja wenigstens an der Hotline auf das Angebot hinweisen können. Aber das hätte vermutlich zu lange gedauert und den Kundenumsatz der Hotline nach unten verschoben…

Little Arbeiterkind in the big Akademikerwelt

Von laura, 5. Januar 2010 12:09

Dass die WAZ (man möge mir verzeihen), nicht immer für Qualitätsjournalismus steht, ist kein Geheimnis. Aber mit dem aktuellen Artikel aus dem Uni-Leben ist mal wieder so ein Werk entstanden, das mit einem klassischen Rollenbild kokettiert, ohne dieses ein wenig zu hinterfragen: “Arbeiterkind lebt in der Uni in zwei Welten”.

Darin geht es um eine Studentin, die, wie der Titel bereits sagt, als Arbeiterkind an die Ruhr-Uni Bochum kommt und sich dort unter all den Akademikern nur schwerlich zurechtfindet. Und irgendwann kommt ihr Traumprinz und rett…. Ach nein, das war  etwas anderes. Jedenfalls sucht dieses Arbeiterkind nach Hilfe und fand diese letztendlich bei/über arbeiterkind.de.
Soweit so gut.
Dass sich dort Leute finden, die eine Übereinstimmung in ihrem “Background” fesgestellt haben, ist lobenswert, insbesondere wenn man sich dort gegenseitig helfen kann. Allerdings frage ich mich, ob die Situation nicht recht ähnlich wäre, wenn sich dort Blondinen oder Besitzer von Mischlingshunden firmieren würden, sprich: eine Zusammenkunft von Menschen, mit denen man sich in irgendeiner Weise identifizieren kann und die gegebenenfalls älter/erfahrener sind als man selbst.

Um mal aus meiner Erfahrung zu berichten: ich bin kein Arbeiterkind, hatte aber trotzdem keine Eltern, die mir aus ihrem Erfahrungsschatz berichten konnten, wie ich in der Mensa mit Plastikgeld bezahle (das hätte ich auch leicht befremdlich gefunden, denn die Karten wurden erst in dem Jahr eingeführt, an dem ich zur Uni kam). Ich habe schlicht und einfach nachgefragt, mich im Internet informiert oder andere beobachtet. Auch hat mir niemand geholfen, Mails an Professoren zu formulieren, aber dass ein förmlicher Brief im Normalfall mit “Sehr geehrte(r)” anfängt, wusste ich noch aus der Schule und konnte mir mit Hilfe eines gesunden Menschenverstandes auch den Rest zusammenreimen. Für meine Vorlesungen interessiert sich ebenso niemand in meiner Familie – was allerdings auch damit zusammenhängen mag, dass schon die Titel häufig Verwirrung auslösen (“Wie? Neuroinformatik? Neuro sagt mir was, Informatik auch, aber wie passt das zusammen?”).

Wenn ich unter meinen Kommilitonen herumschaue, weiss ich von kaum jemandem den Beruf  der Eltern. Das war nie ein Thema, es sei denn es war offensichtlich (“Heute abend muss ich bei meinen Eltern im Restaurant helfen”). Ohnehin hatte ich an der Uni zum ersten Mal den Eindruck, dass nicht mehr zählt, woher ich komme, sondern wer ich nun bin. Das war ganz erfrischend nach dem Besuch eines Gymnasiums mit einer Menge Lehrerkindern, deren Eltern unsere Lehrer aus dem gemeinsamen Studium oder auch aus dem Lions Club kannten.

Der Beginn des Studiums ist und bleibt ein starker Einschnitt ins Leben. Nachdem der Schulweg bei vielen zwar nicht vorbestimmt, aber zumindest durch die Schulleistung festgelegt wurde, ist der Weg an die Uni die erste eigene und meist auch freie Entscheidung und daher auch häufig mit einer Menge Unsicherheit verknüpft. Nicht wenige wohnen nun nicht mehr bei den Eltern, haben niemanden mehr im Alltag um sich, der sich in das eigene Leben einmischt – ich kann mich z.B. daran erinnern, dass ich es in den ersten Wochen sehr befremdlich fand, wochentags bis mittags im Bett zu liegen und wirklich niemand war da, der einen Kommentar abgab oder mir versuchte ein schlechtes Gewissen zu machen. Und ich weiss, dass es Kommilitonen nicht anders ging. Viele haben erst einmal ein Semester zur Orientierung gebraucht und das völlig unabhängig von ihrem sozialen Background.

Und was ich letztendlich damit sagen will: die Geschichte von Christin könnte man genau so mit anderen vermeintlichen Randgruppen schreiben. Frauen, die Physik studieren, Männer die Grundschullehrer werden wollen, Studenten aus dem Ausland, türkische Migranten, körperlich beeinträchtige (behinderte) Studenten, Studenten mit Lernschwäche, AD(H)S, Depressionen, Angststörungen… für nahezu jeden wird sich etwas finden lassen, das ihn zum vermeintlichen Aussenseiter macht. Wenn all diese eine entsprechende Lobby hätten, würde der Artikel genauso aussehen. Nur wenige Worte wären zu ersetzen und schon würde der Artikel über Legastheniker in der Akademikerwelt berichten.

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