Gesellschaftsfähige Klischees
In welcher Zeit leben wir eigentlich, wenn ein Komödiant oder neudeutsch Comedian in schätzungsweise hunderten Werbeblöcken täglich Vorurteile zu Frauen verbreiten darf, dabei noch Werbung für einen Elektronik-Markt macht und damit offensichtlich nicht wenige Menschen (sowohl weibliche als auch männliche) unterhält?
Genau, es geht um Mario Barth, bzw. Mario Barth ist der Aufhänger dieses kurzen Artikels. Momentan sind seine Werbespots ständig im TV zu sehen. Da gibt es Varianten, in denen eine Frau “Blu-Ray” für einen Schauspieler hält, in denen Frauen die technischen Labereien des Verkäufers nicht verstehen und einige weitere, ähnlich klischeebehaftete Spots. Barth gilt aktuell als der wohl erfolgreichste Comedian im deutschsprachigen Raum. Im letzten Jahr versammelten sich mehr als 70.000 Fans im Berliner Olympia-Stadion, um sich seine Show anzusehen. Auch für die aktuelle Auftritte sind Tickets heiß begehrt.
Nicht nur mir ist es ein Rätsel, was die Begeisterung auslöst. Um für Barth Gags zu schreiben, braucht es nicht viel: ein paar lauwarme Klischees und schon tobt die Masse. Nicht selten reichen Einleitungssätze wie “Er will Fußball gucken, Bundesliga…” um das kollektive Schenkelklopfen zu starten.
Humor ist bekanntlich, wenn man drüber lacht und ob ein Witz nun lustig ist oder nicht, kann ein einzelner sicherlich nicht beurteilen, aber Barths Standardsprüche empfinde ich als frauenfeindlich, sexistisch und niveaulos. Dass dieser Humor offensichtlich gesellschaftsfähig ist, verwundert mich sehr. Auch im 21. Jahrhundert. in dem immer noch viel zu viele Frauen vermittelt bekommen, dass sie weniger wert sind und weniger können als ihre männlichen Kollegen, in der Mädchen in Rollenklischees gepresst werden, die in keiner Weise ihren tatsächlichen Leistungen und Begabungen entsprechen und diese Rollenbilder im Alltag omnipräsent sind, finde ich es sogar völlig unangemessen.
Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, welche Erfolgsaussichten es hätte, wenn eine Frau sich mit ähnlichen Klischees zu Männern auf die Bühne stellen würde. Vielleicht ein “Da wollte er Nudeln kochen und hat sie in die Mikrowelle gesteckt!” oder “Da wollte er sich mal was schickes leisten und hat die teuersten Tennissocken gekauft!”? Wie viele männliche Zuschauer wohl im Publikum sitzen würden? Mehr als eine Handvoll wären es sicher nicht. Über manche Dinge darf man eben lachen, über andere nicht.
Wenn Herr Wallraff schwarz geschminkt die Vorurteile der Gesellschaft erlebt und anschließend präsentiert wird der Kopf geschüttelt und alle sind sich einig “so würde ich niemals denken und handeln!”. Wenn Herr Barth aber seine Vorurteile über Frauen präsentiert, ist das unheimlich lustig. Klar, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, schon rein geschichtlich betrachtet. Herunter gebrochen auf die Klischees sind die Parallelen aber sicherlich vorhanden.
P.S. Wenn ich übrigens “Mario Barth” in Google suchen möchte, wird mir als zweiter Suchvorschlag “mario barth freundin” angezeigt. Ich hoffe mal stark, dass sich das auf die grundsätzliche Frage bezieht, ob der der Herr überhaupt eine Freundin hat und nicht auf die Frage, ob man bzw. frau eventuelle Chancen hätte…
P.S.2: Die Titanic hat übrigens noch was nettes dazu.

