Macht das Internet doof?

Von laura, 18. Februar 2010 15:14

In den letzten Monaten musste ich mehrfach an die Schlagzeile des Spiegels denken: “Macht das Internet doof?”. Der Artikel war damals nicht so sonderlich informativ und hat auch für eine Menge Kritik gesorgt, aber die grundsätzliche Frage halte ich nicht für unberechtigt. Offensichtlich scheint es insbesondere denen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, sehr schwer zu fallen, Informationen gezielt zu recherchieren bzw. Antworten eigenständig zu erarbeiten.

Lange Zeit habe ich das Internet für eine unendliche Quelle an Informationen und Wissen gehalten: Google auf, mit 3 Stichworten füttern und schon ist die Antwort auf so ziemlich jede Frage da. Zumindest in der Theorie. Während früher die Frage war: “Gibt es die Antwort irgendwo im Netz?” ist sie heute immer mehr: “Gibt es eine vertrauenswürdige Quelle für diese Antwort?”.
Kürzlich fiel mir das wieder auf, als mich jemand fragte wie viel Zoll er denn für ein Paket aus China zahlen muss. Meine erste Antwort darauf war: “Google mal danach, da wirst du mit Sicherheit eine Antwort finden”.
So sicher ist das aber gar nicht: unter den ersten Treffern zu “China Paket Zoll“ finden sich geschätzte 50 verschiedene Antworten. Ganz vorne dabei mit falschen Angaben sind Frage-Seiten wie gutefrage.net , auf denen 9 von 10 Antworten aus geistigem Dünnschiss bestehen. Eine ähnliche Quote gilt bezüglich der sonstigen Antworten: nur sehr selten findet man eine Erklärung, die bei dieser Frage auf Freigrenzen und Einfuhrumsatzsteuer hinweist.
Ich habe den Fragenden erst einmal auf die Zoll-Webseite verwiesen, wo natürlich die zuverlässigsten und aktuellsten Informationen zu finden sind. Aber offensichtlich ist der Standard-Internet-Nutzer mittlerweile viel zu sehr darauf getrimmt, Antworten in Foren vorgekaut zu bekommen. Das führt zu einer riesigen Flut von identischen Fragen, aus denen sich teilweise unterhaltsame Kreise bilden, bei denen man nach mehrmaligem anklicken von “Google doch mal, steht schon hier”-Links letztendlich wieder bei der ursprünglichen Quelle landet, ohne wirklich schlauer geworden zu sein.

Diese Denk- und Recherche-Faulheit gilt auch für ganz andere Dinge: seit etwa einem halben Jahr beschäftige ich mich mit dem sogenannten “Speedcubing”. Speedcuber sind die Leute, die den Rubik’s Cube (auch bekannt als Zauberwürfel) und diverse ähnliche Puzzle auf Zeit lösen und das mit möglichst ausgefeilten Algorithmen. Reizvoll finde ich besonders, Methoden zu erweitern und auf andere Puzzle zu übertragen. Darüber kann man sich auch prima im Netz austauschen – zumindest wenn man an den richtigen Stellen unterwegs ist.
Für so manchen “Cuber” scheint das nicht interessant zu sein. In einem Forum habe ich erwähnt, dass man den 3×3x5-Würfel problemlos mit Algorithmen für den 3×3x3- und den 3×3x2-Würfel lösen kann. Man muss vermutlich nicht einmal Ahnung von der Materie haben, um zu verstehen wie das funktionieren könnte. Aber ich habe seitdem mehr als 5 Rückfragen bekommen, ob ich dafür eine genaue Anleitung mit Abbildungen und Algorithmen habe. Darunter auch zumindest zwei Leute, die den Würfel nicht einmal in der Hand hatten, sondern lediglich bestellt haben und sich nun schon einmal provisorisch mit einer Lösung versorgen wollten.

Ich finde es traurig, dass viele (und damit meine ich definitiv nicht alle) nicht mehr bereit, Transferleistungen zu erbringen und bereits erlerntes auf neue Situationen zu übertragen. Oder auch einfach nur mitzudenken. Aber andererseits würde das Internet sicherlich enorm schrumpfen und viele Arbeitsplätze wären gefährdet, wenn man alle redundanten, zehnfach wiedergekäuten und falsch wiedergegebenen Informationen löschen würde…. und das wollen wir doch auch nicht, oder?

2 Antworten für “Macht das Internet doof?”

  1. Daniel sagt:

    Ja, das stimmt sicherlich. Ich habe mich auch in den letzten Monaten mehr denn je über Falschinformationen oder auch bewusste Fakes im Internet geärgert.
    Ich würde das nicht einmal nachwachsenden Generationen ankreiden, sondern eher der Allverfügbarkeit des Internets.

    Früher war es gar nicht so einfach, sich tagtäglich im Netz auszukotzen… teure Zugänge, später teure Flatrates. Als ich 2000 Abi gemacht habe, hatte vielleicht die Hälfte meiner Mitschüler einen Zugang. Wenn überhaupt!
    Letztes Jahr haben wir in zwei Schulklassen herumgefragt: dort hatte wirklich jeder einen Internetzugang, der Großteil sogar im eigenen Zimmer, mit eigenem Rechner.
    Die Zeiten ändern sich!

  2. Dennis sagt:

    Oder einfach nur Mitdenken…
    Ja, das ist auch meine Beobachtung. Ich mache recht viel im Fachschaftsforum meines Studienganges und bin dort auch immer wieder aufs neue erstaunt wie wenig es Kommilitonen schaffen simple Dinge zu recherchieren.

    Wobei ich glaube das es nicht unbedingt zugenommen hat, man hat es in einem Forum nur dokumentiert.

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